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ZEIT LEO  Ausgabe 8/2020

Ein riskanter Versuch

Auch vor 200 Jahren gab es eine Pandemie: die Pocken. Damals wussten die Menschen noch nicht, was hilft. Doch ein Arzt hatte eine Idee …

Text: Carola Dorner
Illustration: Chloé Bertron

Behutsam nimmt Edward Jenner den Arm des Jungen und schiebt dessen Ärmel hoch.
Er ergreift den Metallstift, der auf dem Tisch liegt, und ritzt James damit in den Arm. Der zuckt nur kurz zusammen. Beruhigend tätschelt Edward Jenner ihm die Hand. Dann öffnet er ein kleines Fläschchen und träufelt eine Flüssigkeit in die Wunde.
Es ist Mai im Jahr 1796. Edward Jenner ist Landarzt in England. In seiner Praxis führt er die wichtigste Behandlung seines Lebens durch: die erste richtige Schutzimpfung, die es je gegeben hat.
Die wird dringend gebraucht, denn auch zur Zeit von Edward Jenner gibt es eine schlimme Pandemie. Sie heißt allerdings nicht Corona, sondern Pocken. Diese Krankheit ist sehr gefährlich. Wer sie hat, bekommt hohes Fieber und juckende eitrige Blasen am Körper. Viele Menschen sterben daran. Von denen, die überleben, bleiben einige blind oder taub oder für immer gelähmt.
Die Pocken sind sehr ansteckend. Sie werden wie Corona von Viren ausgelöst. Menschen, die mit Kutschen in andere Länder 39 reisen, schleppen die Viren mit. Soldaten, die zu Fuß oder mit dem Pferd umherziehen und Kriege führen, tragen sie von Dorf zu Dorf. So breitet sich das Pockenvirus auf der ganzen Welt aus.
Allerdings weiß damals noch niemand, was genau ein Virus ist, geschweige denn, wie man es bekämpfen könnte. Die Ärzte und Wissenschaftler probieren schon lange verschiedene Sachen aus. Was können sie tun, um die schlimme Krankheit zu besiegen?

Eine Idee haben die Ärzte: Wenn man dem Körper eine abgeschwächte Art der Krankheitserreger gibt, glauben sie, kann er sich daran gewöhnen. Dann kann er Abwehrkräfte aufbauen und ist geschützt, wenn er der richtigen Krankheit begegnet. Dazu machen Ärzte schon lange Experimente. In China lassen sie Menschen getrockneten Pockeneiter einatmen. In England, Österreich und Frankreich reiben sie Leuten Pockenbrösel in die aufgeritzte Haut. Aber die Methoden sind gefährlich: Bei manchen Patienten brechen die Pocken trotzdem aus. Einige sterben gar daran. 
Edward Jenner hat jedoch gerade eine ganz besondere Beobachtung gemacht: Ihm ist aufgefallen, dass die Melkerinnen, die sich auf den Bauernhöfen um die Kühe kümmern, keine Pocken bekommen. Stattdessen erzählen sie, dass sie sich früher einmal bei den Kühen mit Kuhpocken angesteckt hätten. Das ist eine Krankheit, die Kühe bekommen, die aber Menschen nicht ernsthaft schadet. Viele Melkerinnen, die die Kuhpocken gehabt haben, pflegen ihre pockenkranken Angehörigen, ohne dass sie selbst krank werden.

[...]

Illustration:  Chloé Bertron

So wird ein Impfstoff heute entwickelt:
Inzwischen legen Gesetze fest, wie ein Impfstoff getestet wird. Zuerst suchen Forscher nach einem Wirkstoff. Dieser wird dann erst mal an Tieren getestet. Danach wird der Stoff einigen gesunden Menschen verabreicht, die sich freiwillig gemeldet haben und die von den Risiken wissen. Wenn er wirkt und sie ihn gut vertragen, darf er an mehr Menschen getestet werden. Ob dabei alles ordentlich abläuft, prüfen etwa Gesundheitsbehörden. Wenn ja, lassen sie den Stoff zu. All das dauert meist mehrere Jahre. Bei der Arbeit an einem Impfstoff gegen das Corona-Virus geht es gerade besonders schnell, damit er möglichst bald eingesetzt werden kann.

 

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