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ZEIT LEO Ausgabe 2/2021

Der Dichter und der König

Vor 300 Jahren herrscht in Frankreich ein ungerechter König. Der Dichter Jean de La Fontaine will sich gegen ihn wehren. Aber wie?

Text: Carola Dorner
Illustration: Aart-Jan Venema

Jean de La Fontaine ist sauer: Der König hat seinen Freund eingesperrt. Der ist ein reicher Minister, gerade hat er sich ein teures Schloss gebaut und zur Einweihung ein Fest gegeben. Darüber hat sich der König geärgert: Er will selbst der Größte sein. Deshalb hat er den Minister ins Gefängnis werfen lassen.

Von dem König hast du vielleicht schon gehört, er heißt Ludwig der 14., selbst nennt er sich »Sonnenkönig«. Denn er hält sich für so großartig wie die Sonne und erwartet, dass alle um ihn kreisen. Er hat das prunkvolle Schloss in Versailles bei Paris gebaut, auf Gemälden trägt er oft eine Robe aus Hermelin, das ist ein teurer Pelz. Er regiert in Frankreich vor mehr als 300 Jahren. Dort lebt auch Jean de La Fontaine. Er trägt einfache Kleider aus Wolle und Leinen, denn wie die meisten Menschen zu dieser Zeit hat er wenig Geld: Er ist Dichter und bekommt kaum etwas für seine Gedichte und Theaterstücke. Er kann auch wenig mitbestimmen und sich nicht dagegen wehren, wenn der König ungerecht ist. Das ist damals nicht möglich.

Jean de La Fontaine hält das nicht aus. Er will seinen Freund unbedingt retten. Aber was kann er tun? Er schreibt ein langes Gedicht. Darin bittet er den König, seinen Freund freizulassen. Wahre Größe zeigt sich darin, dass man anderen vergeben kann, schreibt Jean de La Fontaine. Der König denkt, er liest nicht recht! Er ist gewohnt, dass Künstler das tun, was ihm gefällt. Dann bezahlt er sie vielleicht sogar dafür, sodass sie in Ruhe Gedichte schreiben können, in denen sie ihn loben. Was ist denn in diesen La Fontaine gefahren?, denkt der König. Was, wenn er auch noch andere auf die Idee bringt, etwas Schlechtes über ihn, den König, zu verbreiten? Zur Sicherheit lässt der König den Dichter von Spionen überwachen. Wenn Jean de La Fontaine noch einmal so etwas schreibt, soll er eingesperrt werden.

Was kann Jean de La Fontaine jetzt machen? Er kann nicht einfach seine Meinung sagen, sonst wird er dafür bestraft. Er will aber trotzdem weiter schreiben, was er über den König denkt. Wieder überlegt er lange. Da kommt ihm eine Idee: Er könnte seine Texte verschlüsseln!

Also schreibt er eine Geschichte über einen Löwen. Der hat ein glänzendes Fell und sitzt auf einem hohen Thron, umgeben von seinen Ministern und Beratern. Viele von ihnen schmeicheln ihm. Mit denen teilt der Löwe seine Mahlzeit. Wenn ihn aber jemand kritisiert, frisst er denjenigen auf. Wer mit dem Löwen gemeint ist, ist ziemlich klar. Jean de La Fontaine schreibt auch andere Geschichten über sprechende Tiere: über einen gerissenen Fuchs, über ein einfältiges Lamm, über einen eitlen Raben und eine fleißige Ameise. Die Geschichten sind erfunden, aber sie handeln davon, wie Menschen sind – oft auch bestimmte Menschen. Solche Geschichten nennt man Fabeln.

[...]

Diese Fabeln sind besonders bekannt:

Die Grille und die Ameise

Statt Vorräte anzulegen, hat die Grille im Sommer gesungen. Im Winter bittet sie die fleißige Ameise um Brot. Die will nichts abgeben und sagt: »Tanz doch, um warm zu werden.« Wer hat recht? Das kann jeder selbst sagen. Hier siehst du die Fabel

Der Hase und die Schildkröte

Der schnelle Hase fordert die Tiere des Waldes zu einem Wettrennen heraus. Als die Schildkröte annimmt, lacht er und ruht sich erst mal aus. Als er schließlich startet, ist die Schildkröte schon am Ziel. Der Hase war sich seiner Sache zu sicher. Auf YouTube anschauen

Der Rabe und der Fuchs

Ein Rabe sitzt mit einem Käse auf dem Baum. Der schlaue Fuchs möchte den Käse essen. Er schmeichelt dem Raben: »Bestimmt kannst du schön singen!« Das will der eitle Rabe zeigen. Er öffnet den Schnabel, und der Käse fällt dem Fuchs vor die Füße. Hier hörst du die Fabel

 

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