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DIE GROSSE ZEIT LEO-EXPEDITION

100 Tage im Eis

Polarforscherin Stefanie Arndt
Polarforscherin Stefanie Arndt

Bis zum März 2023 wird die Polarforscherin Stefanie Arndt in der Antarktis sein. Hier erzählt sie, wie sie dorthin kommt, was sie für so eine Expedition alles einpackt und welche Spezialaufgabe sie im Eis erwartet.

Wenn du diesen Text lesen kannst, bin ich schon fast am Südpol – hoffentlich. Mit etwas Glück sitze ich bald in einem kleinen Propellerflugzeug, mit dem ich die letzte Etappe zur Neumayer-Forschungsstation zurücklege. Wenn ich aber Pech habe und es stürmt, harre ich gerade jetzt vielleicht in einem Zelt mitten im Eis aus – direkt neben der Landebahn, von der mein kleines Flugzeug eigentlich starten sollte. Bei schlechtem Wetter kann es nämlich nicht abheben. Dann heißt es für Forscherinnen wie mich: abwarten, ins Zelt kriechen und in meinen dicken Polarschlafsack einmummeln. Du siehst, eine Expedition in die Antarktis ist wirklich ein Abenteuer!

Aber vielleicht klappt ja auch alles wie geplant, dann bin ich am Mittwoch, den 9. November in Bremen losgeflogen und komme nach Zwischenstopps in Oslo/Norwegen (um Forscher-Kollegen einzusammeln), Kapstadt/Südafrika (um Pause zu machen) und auf der antarktischen Forschungsstation Troll (um das große gegen ein kleines Flugzeug zu wechseln) am Freitagabend ans Ziel. Auf der Neumayer-Station werde ich bis März 2023 arbeiten und leben – gemeinsam mit rund 60 anderen Menschen.

Schnee am Südpol
Foto: Stefanie Arndt

Ich bin Meereis-Forscherin und Expertin für den Schnee am Südpol. Wir wissen bisher noch nicht viel über diese Region der Erde. Deshalb finde ich meine Arbeit auch selbst richtig spannend: Ich kann Dinge erforschen, die noch kein Mensch weiß. Und dafür bin ich obendrein an einem Ort, den nur wenige Menschen jemals besuchen können. Wenn ich mir das so vorstelle, fühle ich mich wie eine echte Entdeckerin.

Ich ziehe mehrere Schichten übereinander, um warm zu bleiben, wenn ich draußen im Eis bin. Ganz unten trage ich lange Wollunterwäsche und dazu warme Polarsocken. Darüber kommt eine Schicht aus ­Fleece, bestehend aus Latzhose und Jacke. Die äußere Schicht ist ein Schneeanzug. Zum Wechseln habe ich auch eine Schneehose und eine Schneejacke. Und für ganz kalte und stürmische Tage bekomme ich außerdem eine noch dickere Polarjacke mit einer riesigen Kapuze samt Pelz, die den Wind abhält.

Dann brauche ich noch Arbeitsschuhe mit Stahlkappen und gefütterte Polarstiefel. Außerdem verschiedene Mützen, Sonnenbrillen und Stoffmasken für mein Gesicht. Denn wenn ich bei Sturm rausgehe, darf wirklich kein Fitzelchen Haut der Luft ausgesetzt sein. Man fängt sich leicht eine Erfrierung ein, und die tut weh, ganz ähnlich wie eine Verbrennung. Das weiß ich leider aus Erfahrung.

Wichtig ist, jedes Kleidungsstück anzuprobieren. Die Sachen müssen passen, wenn sie warm halten sollen. Ich bin sehr schlank, und da ist es manchmal nicht einfach, die richtigen Kleidungsstücke zu finden. Aber wenn eine Unterhose schlackert, wärmt sie nicht richtig. Inzwischen besitze ich eine eigene Garnitur Wollunterwäsche. So etwas wünscht man sich als Polarforscherin zu Weihnachten. Nicht fehlen dürfen die Handschuhe. Ich brauche meine Hände, wenn ich Löcher bohre oder Schneeproben in Gefäße fülle. Deshalb trage ich zwei Handschuh-Schichten: ein dünnes Paar unten, mit dem ich gut meine Geräte bedienen kann. Darüber ziehe ich gefütterte Schneehandschuhe oder superwarme Polarfäustlinge. Wenn die Ausrüstung zusammen ist, türmt sich ein ganz schöner Klamottenberg auf! Ach ja, und obendrauf kommen noch eine spezielle Isomatte und mein Polarschlafsack. Hoffentlich brauche ich den nicht schon auf der Hinreise!

Für meine Arbeit habe ich außerdem Expeditionskisten gepackt. Darin sind mein großer Eiskern-Bohrer mit Elektromotor, meine Lupen, viele Plastikflaschen, in denen ich geschmolzenen Schnee sammle, Notizbücher, Bleistifte und noch andere Werkzeuge.

Privates Gepäck nehme ich gar nicht viel mit. Ein bisschen normale Kleidung, die ich auf der Station trage. Auch was Schickes, denn ich werde ja Weihnachten am Südpol feiern, und das soll festlich werden. Immer dabei habe ich meinen Computer und meine Fotokamera. Die Bilder, die ich am Südpol mache, sind meine schönsten Erinnerungen. Dir schicke ich in den nächsten Wochen und Monaten auch immer mal wieder ein Foto. Was brauche ich noch? Meinen E-Reader (Bücher wären zu schwer), meine Kopfhörer, damit ich meine Mitbewohner nicht mit Musik und Podcasts störe, und meinen Lieblingstee. Wenn ich den trinke, gibt mir das ein bisschen Zuhause-Gefühl.

Ich bin 34 Jahre alt, war schon auf 13 Polar-Expeditionen, neun davon haben mich in die Antarktis geführt. Ich freue mich darauf, wieder auf dem Eis zu sitzen, in die weiße Weite zu schauen, im Hintergrund schnattert ein Pinguin vorbei, und über dem Horizont schwebt sogar nachts um vier Uhr die Sonne. Das sind sehr besondere Momente. Man kann es nur schwer beschreiben.

Aber so eine Expedition bedeutet auch immer Entbehrung. 100 Tage werde ich dieses Mal in der Antarktis sein, so lang wie noch nie zuvor. 100 Tage lang werde ich meine Freunde und meine Familie nicht sehen. Ich kann nicht mit ihnen zu Silvester aufs neue Jahr anstoßen. Meine Mama und mein Freund werden ihre Geburtstage ohne mich feiern.

Umgekehrt weiß ich, dass sie zu Hause sitzen und manchmal Angst haben, mir könnte etwas passieren. Besonders dieses Mal. Denn es ist nicht nur mein längster Einsatz, ich habe auch eine besondere Aufgabe: Im Januar werde ich für sechs Wochen die Station verlassen und mit einem Kollegen Richtung Pol fahren. Mehrere Wochen werden wir im Eis unterwegs sein, im Zelt schlafen und nicht erreichbar sein. Da bin sogar ich als erfahrene Polarforscherin aufgeregt.

Umso schöner, dass ich dich und all die anderen ZEIT LEO-Leser bei dieser Expedition als Mitforschende an meiner Seite habe. Ich bin gespannt, welche Fragen ihr mir schickt und was euch besonders begeistert. Also los, auf zum Südpol!

Aufgezeichnet von Katrin Hörnlein

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