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ZEIT LEO Zukunftsdenker-Serie

GENUG GEDACHT?

Genug Gedacht / Illustration: © Johanna Knor

Im Januar haben wir mit euch Die Zukunftsdenker-Serie gestartet. Alle zwei Wochen haben wir eine große Frage gestellt, eure Antworten darauf gesammelt und veröffentlicht. Über zehn Fragen habt ihr allein oder mit euren Freunden und in euren Familien gegrübelt und uns mehr als 500 Antworten geschickt.

Wow! Was euch alles eingefallen ist, haben wir an Experten gegeben – an Prominente und an Kolleginnen und Kollegen in der ZEIT-Redaktion. Die haben auch Wow! gesagt.

Worüber sie besonders gestaunt, gelacht und auch selbst nachgedacht haben, lest ihr zum großen Abschluss unserer Serie.

Wie fühlt sich Liebe an?

Der Moment, als ich verstand, wie sich Liebe anfühlt, war, als ich meine heute 24 Jahre alte Tochter das erste Mal im Arm hielt. Plötzlich war alles warm und selig, und so beschreibt es auch Konstantin, 9 Jahre: »Es fühlt sich weich und richtig an.« Da, wo die Liebe ist, fühlt man sich sicher und nah. Die Liebe ist ein Band, das die verbindet, die zusammengehören. Sie hält aber nur, wenn man immer wieder etwas für sie tut. Ich finde, Mayla, 9 Jahre, hat das viel besser ausgedrückt, als ich das könnte: »Für mich ist Liebe wie eine Tulpe. Wenn man sich um die Tulpe kümmert, wächst sie weiter, aber wenn es einem egal ist, vertrocknet die Tulpe.« Das gefällt mir sehr gut. Denn gerade Tulpen blühen be­sonders gut, wenn sie in der Erde einen ganz kalten Winter überstanden haben. Bei der Liebe ist das auch so.

Tillmann Prüfer hat vier Töchter und ist Chef im Ressort Familie


Wie könnten alle Menschen in Frieden leben?

Olaf Scholz - der deutsche Bundeskanzler
Olaf Scholz [ Foto: © Maximilian König ]

Das ist eine der ganz großen Fragen. Wir wünschen uns alle eine friedliche Welt. Deshalb haben sich fast alle Staaten gemeinsame Regeln gegeben, an die sich alle halten müssen. Eigentlich. Die Regeln sagen zum Beispiel, dass man seinen Nachbarn nicht überfallen darf. Man darf auch keinen Terror verbreiten. Und keinen Krieg anzetteln, sondern man soll Streit friedlich lösen.

Das Problem ist: Es gibt keine Weltpolizei, die man rufen kann, wenn jemand gegen die Regeln verstößt, so wie Olivia, 5 Jahre, es vorgeschlagen hat. Aber wir können trotzdem etwas tun. Beispielsweise können wir entscheiden, solche Staaten zu bestrafen, indem wir ihnen gewisse Produkte nicht mehr liefern oder ihren Bürgerinnen und Bürgern verbieten, in unsere Länder zu reisen. Und wir können denen helfen, die überfallen worden sind.

Auf der ganzen Welt gibt es leider immer wieder kriegerische Konflikte. In diesen Monaten bedrückt uns besonders der Krieg, den Russland gegen die Ukraine angezettelt hat und der schon Hunderttausende Opfer gekostet hat. Deutschland hilft der Ukraine stark. Auch das Leid der Menschen in Gaza und die Sorgen der Familien in Israel, deren Familienangehörige von der Terrororganisation Hamas entführt worden sind, bereiten uns Kummer.

Wenn es um Frieden geht, gucken wir aber ebenso nach Deutschland, in unser eigenes Land. Auch bei uns soll es friedlich zugehen: auf dem Schulhof oder in unserem Viertel, in dem wir wohnen. Was wir dafür brauchen, ist Respekt voreinander – egal wie groß die Unterschiede sein mögen. Ganz wichtig ist, dass wir nicht auf das schauen, was uns trennt, sondern auf das Gemeinsame, das uns verbindet. Hanna, 8 Jahre, hat das so schön gesagt: »Menschen müssten einfach verstehen, dass keiner besser ist als der andere.« Wenn wir das beherzigen, wird die Welt friedlicher.

Olaf Scholz ist der deutsche Bundeskanzler.
Mit den Chefs anderer Länder versucht er den Frieden in der Welt zu sichern


Wie wäre es, unsterblich zu sein?

Unsterblich? Für mich kommt das nicht infrage. Jula, 8 Jahre, hat recht: »Ich glaube, es wäre nicht so toll, unsterblich zu sein, weil alle anderen sterben würden, und dann kennt man ja gar keinen.« Ich bin 71 Jahre alt. Wahrscheinlich habe ich noch so etwa zehn Jahre vor mir. Vielleicht auch mehr, vielleicht weniger. Vor Kurzem sind zwei meiner Brüder gestorben. Ganz plötzlich. Ich vermisse sie schrecklich. Der eine könnte mir so gut gegen die Schneckenplage im Garten helfen. Der andere war unentbehrlich beim 1.000-Teile-Puzzle. Wie schön wäre es, SIE wären unsterblich gewesen! Je älter ich werde, desto mehr Menschen verlassen mich. Das Einzige, was gegen das Vermissen hilft: Ich glaube, sie erwarten mich. Ich komme hinterher. Ungefähr einmal in der Woche überlege ich, wann das sein wird.

Anna von Münchhausen war bis 2018 die Textchefin der ZEIT


Warum lügen wir manchmal?

Erwachsene sagen ja immer, man darf nicht lügen – und dann tun sie es doch. Die Gründe kennt schon ihr Kinder ziemlich gut. »Weil wir etwas verbergen wollen, was uns unangenehm ist«, sagt Ella, 6 Jahre. Roman, 8 Jahre, fügt hinzu: »Weil uns manches peinlich ist, und manchmal haben wir auch Angst, dass wir Ärger kriegen.« Oft scheint die Lüge der einfache Weg zu sein. Malik, 6 Jahre, hat ganz recht, wenn er sagt, wir lügen, »weil wir uns manchmal nicht trauen, die Wahrheit zu sagen«. Es braucht Mut, um ehrlich zu sein. Weil die Wahrheit schmerzhaft sein kann. Noch mehr Mut braucht es, zuzugeben, wenn man gelogen hat. Aber danach fühlt man sich leichter.

Anne Kunze hat als Kriminalreporterin der ZEIT oft mit Unwahrheiten zu tun


Was unterscheidet Mensch und Tier?

Annika Preil - aus der Fernsehsendung »Anna und die wilden Tiere«
Annika Preil [ Foto: © Annika Preil ]

Als ich eure vielen unterschiedlichen Antworten gelesen habe, war ich ganz schön baff. Einige haben zum Beispiel geschrieben, dass Tiere ihre ganze Aufmerksamkeit auf das richten, was sie gerade hören oder sehen. Stimmt, das beobachte ich auch bei meinen Drehs mit Nashörnern, Schimpansen und Zebras. Würde eine Antilope so viel über die Zukunft oder die Vergangenheit grübeln wie wir, könnte sie auch nicht lange überleben. Über einige Antworten musste ich richtig lachen, etwa die von Bowie, 6 Jahre: »Tiere fressen, um satt zu werden. Menschen essen auch Sachen, die sie gar nicht brauchen, zum Beispiel Kaugummi.« Echt schlau, darüber hab ich noch nie nachgedacht! Berührt hat mich, wie viele von euch traurig sind, dass wir uns oft so rücksichtslos verhalten. »Menschen machen die Welt kaputt, Tiere nicht!«, schrieb Frieda, 7 Jahre. Ich bin auch oft wütend, wenn ich sehe, wie viele Tiere unseretwegen in Not geraten. Zeit, das zu ändern!

Annika Preil kennt man aus der Fernsehsendung »Anna und die wilden Tiere«


Wem gehört die Welt?

Matthias Maurer - Astronaut der Esa
Matthias Maurer [ Foto: © ESA ]

Der Blick aus dem Weltraum zur Erde gehört zum Schönsten und Beeindruckendsten, was ich in meinem Leben sehen durfte. Man erkennt sofort, wie viel Energie und Leben in unserem Planeten steckt: Weiße Wolken ziehen ihre Bahnen über blauen Ozeanen, grünen Wäldern, grauen Bergen und rostroten Wüsten – lauter Farben inmitten der Schwärze des Alls. Die Erde ist eine einzigartige Oase im leeren und eisig kalten Weltraum. Alle Menschen, Tiere und Pflanzen, die früher existierten und heute leben, haben ihren Ursprung auf diesem besonderen Planeten. Und auch die Menschen, Tiere und Pflanzen, deren Leben in der Zukunft liegt, gehören dazu. So wie Jonathan, 6 Jahre, es formuliert: »Die Welt gehört der Vergangenheit sowie der Zukunft.«
Doch wem gehört sie noch? Den Königen und Kaisern, den Präsidenten oder den reichen Milliardären? Nein, dieser Planet ist unser aller Zuhause, denn nur hier können wir Menschen leben; nur hier können wir Luft zum Atmen und Wasser zum Trinken finden.
Aus dem All betrachtet, erscheint mir die Erde wie ein sehr großes perfektes Raumschiff. Mit mittlerweile rund acht Milliarden Astronauten als Besatzung fliegt es schon seit sehr langer Zeit durchs All. Dass ein Raumschiff nur funktioniert, wenn alle zusammenarbeiten, war die wichtigste Lektion meiner Astronautenausbildung. Warum nur, frage ich mich, tun wir Menschen das nicht auch? Lasst uns friedlich zusammenarbeiten, um gemeinsam das Beste für UNSER Raumschiff Erde zu erreichen!

Matthias Maurer ist Astronaut der Esa und flog 2021 zur Internationalen Raumstation ISS


Bestimmt mein Aussehen, wer ich bin?

An meinem ersten Tag an der Universität kannte ich niemanden, aber natürlich wollte ich Freunde finden. Also ging ich auf zwei junge Frauen zu, von denen die eine nett lachte und die andere eine zerbeulte Lederjacke trug, die mir gefiel. Heute, zwölf Jahre später, sind wir immer noch befreun- det. Aber ist jemand, der nett lacht, auch nett? Verstehe ich mich mit einer Person gut, nur weil sie eine Lederjacke trägt, die mir auch gefällt? Viele von euch denken das nicht. Janne, 7 Jahre, schreibt: »Ich bin ich, egal wie ich aussehe!« Und Lina, 8 Jahre, meint: »Es geht nicht darum, wie man aus- sieht, sondern wie man im Inneren ist.« Stimmt, ich würde nur ergänzen, dass ich mit meinem Aussehen etwas über mein Inneres erzählen kann – etwa mit meiner Kleidung meine politischen Ansichten zeigen. Dass ich meine Freundin damals wegen ihrer Lederjacke fand, war wohl trotzdem eher ein Zufall. Und vielleicht sind mir an dem Tag Freundschaften mit Menschen entgangen, die mir nicht auf- gefallen waren. Samuel, 9 Jahre, hat es schön zusammengefasst: »Ich denke, wie man aussieht, macht den ersten Eindruck, wie man ist, den zweiten.«

Claire Beermann ist beim ZEITmagazin für Mode und gutes Aussehen zuständig


Wie wäre die Welt ohne Geld?

Armut, Diebe und Krieg: Einige von euch glauben, dass es diese Dinge in einer Welt ohne Geld nicht geben würde. Das finde ich sehr schlau, denn Geld hat eine hässliche Seite. Viele von euch haben aber auch er­kannt, dass eine Welt ohne Geld chaotisch wäre: »Wie würde dann mein Taschengeld aussehen?«, hat David, 6 Jahre, gefragt, »etwa zehn Fische?« Klingt lustig – und stimmt. Geld hat eine schöne Seite: Es macht das Leben einfacher, man muss nicht wie früher Hafer gegen Fleisch tauschen, wie Aliya, 9 Jahre, schreibt. In einer Welt ohne Geld würden die Menschen »ganz schnell Geld aus Papier basteln«, haben sich die Kinder einer Kita in Karlsbad überlegt. Das glaube ich auch. Und trotzdem wird man sich manche Dinge nie für Geld kaufen können, echte Freunde zum Beispiel, da hat Joost Theo, 9 Jahre, ganz recht.

Jens Tönnesmann arbeitet im Ressort Wirtschaft und ist Fachmann für Geld


Wozu ist Langeweile gut?

Nina Dulleck hat die Bilder für viele Kinderbücher
Nina Dulleck [ Foto: © Alexander Stertzik ]

»Wenn man Langeweile hat, heißt das manchmal, dass man mit den wichtigen Sachen fertig ist, und das ist gut«, hat Mayla, 9 Jahre, auf diese Frage geantwortet. Ja, die Langeweile hat einen ziemlich guten Riecher für den richtigen Zeitpunkt. Bei mir kommt sie vorbei, sobald ich alles erledigt habe und nicht mehr wusele und wursch- tele. Zack, sitzt sie neben mir, gemeinsam starren wir Löcher in die Luft – so wie auch Sara, 9 Jahre, es tut. Und nachdem so eine, zwei, drei Wolken vorbeigezogen sind, höre ich, wie die Langeweile mir ins Ohr flüstert: »Ich hab dir etwas mitgebracht.« Das ken- nen auch viele von euch. Plötzlich sind sie da, die neuen Ideen. Bei mir, bei euch. Ist das nicht toll? Ich jedenfalls freu mich schon auf den nächsten Langeweile-Besuch und auf ihr Mitbringsel!

Nina Dulleck hat die Bilder für viele Kinderbücher gezeichnet, zum Beispiel für »Die Schule der magischen Tiere«


Was bringen Kinder Gutes in die Welt?

»Durch die Kinder dürfen die Erwachsenen wieder ein bisschen Kind sein. Dann ist die Welt ein besserer Ort«, hat uns Anna, 7 Jahre, auf unsere letzte Frage geantwortet. Das stimmt. Ich habe in den letzten Mona- ten mit all euren Antworten viel Leichtig- keit und Freude empfunden. Und ihr habt mich daran erinnert, wie eine bessere, schönere und gerechtere Welt aussehen könnte. Denn Kinder bringen »Fröhlichkeit in die Welt, Trost und Aufheiterung«, findet Klara, 10 Jahre. Das finde ich auch!

Unser Gedanken-Pingpong endet nun. Tausend Dank, dass ihr Zukunftsdenker geworden seid! Weiter so, denn nur weil hier Schluss ist, müsst ihr nicht aufhören, Antworten auf große Fragen zu finden!

Jörg Bernardy ist Philosoph und hat sich die Zukunftsdenker-Serie mit uns ausgedacht

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