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Vom Kind gelernt

Kunst fühlen

Zu Kunstwerken hatte die ZEIT-Redakteurin Lisa Nienhaus einen eher theoretischen Bezug. Ihre Tochter führte sie ans Zeichnen heran

Text: Lisa Nienhaus
Lisa Nienhaus
Lisa Nienhaus ist stellvertretende Leiterin im Ressort Wirtschaft der ZEIT

Ich musste erst mit meinen Kindern ins Museum gehen, um zu merken, dass mit mir etwas nicht stimmt. Wenn ich mir ein Kunstwerk anschaue, dann so: Ich betrachte es aufmerksam – für wenige Sekunden. Danach zuckt mein Blick hinüber auf das Schild, das rechts daneben an der Wand klebt. Ich lese: wie der Künstler heißt, was das Bild zeigen soll. Später greife ich zum Ausstellungskatalog und studiere ihn sehr genau. Zwischendurch blicke ich kurz zum Bild. Meine Tochter war fast vier Jahre alt, als ich sie zum ersten Mal in eine Ausstellung mitnahm.

ZEIT Leo 5/2018 Von Kindern lernen: Kunst fühlen
Illustration: Laura Junger

Dürer im Städel in Frankfurt, eigentlich nichts für Kinder. Aber da stand meine Tochter dann, ganz vorn vor einer Reihe von Drucken in Schwarz-Weiß – und war nicht mehr fortzukriegen. Dass man so etwas zeichnen könne: so furchtbar, so gruselig, so genau! Das Kunstwerk, das sie derart faszinierte, war die Apokalypse: 15 Holzschnitte, ein Wirrwarr an Grausamkeiten und Fabelwesen, von den vier apokalyptischen Reitern bis zum siebenköpfigen Drachen.

Meine Tochter sog alles auf, ganz ohne Erklärungen, ohne Audioguide. Stattdessen mit hörbarem Vergnügen darüber, was sie da und dort entdeckte. So hörbar, dass bald doppelt so viele Besucher vor der Apokalypse standen wie zuvor. Damals konnte meine Tochter natürlich noch nicht lesen, war also aufs Visuelle trainiert. Aber auch heute – sie ist mittlerweile in der zweiten Klasse – geht sie an Kunst anders heran als ich.

Für mich ist Kunst etwas, das ich (auch) verstehen will. Für sie ist Kunst etwas, das sie fühlen will. Das sieht man auch an ihren Zeichnungen. Sie malt unpräzise und wunderbar, kraftvoll schrankenlos. Realistische Detailtreue ist ihr vollkommen egal. Vielleicht sind ihre Bilder gerade deshalb so unfassbar lebendig. Und wenn sie zeichnet, hat sie eine Ausdauer, die sie bei nichts anderem zeigt. Auch die Betrachter zieht das in den Bann – und so habe ich selbst wieder angefangen zu zeichnen. Ich fand dafür Hilfe in einem Buch mit dem genialen Titel Drawing for the artistically undiscovered, gestaltet von Quentin Blake, dem Illustrator der Roald-Dahl-Bücher. Viele Seiten des Buchs sind noch leer, leider. Aber manchmal zeichnen wir gemeinsam, meine Tochter und ich. Sie ist besser. Noch hat sie es nicht gemerkt.

In jeder FAMILIENZEIT erzählen ZEIT-Redakteure, was sie von Kindern lernen.

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