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Vom Kind gelernt

Die Kindheit schätzen

Wenn man jung ist, ist das Glück vollkommen, findet der ZEIT-Redakteur Jens Jessen. Durch den Zwang der Erziehung wird es nur gestört

Text: Jens Jessen
Jens Jessen
Jens Jessen schreibt im Feuilleton der ZEIT über Literatur und Gesellschaft

Kinder glauben, das Leben müsse von Tag zu Tag schöner und abenteuerlicher werden, während Eltern und Lehrer leider dafür sorgen, dass es von Tag zu Tag eintöniger und grauer wird. Kinder erinnern einen ständig an die eigene Kindheit, diesen Kontinent verschütteter Hoffnungen. Waren nicht alle kindlichen Rebellionen, mit denen man sich heute, da man selbst zu Eltern geworden ist, herumschlagen muss, einmal die eigenen?

ZEIT Leo 2/2019 Von Kindern lernen: Die Kindheit schätzen
Illustration: Laura Junger

Erziehung – gleichgültig, wie liberal man sie anlegt – bedeutet immer, genau das zu tun, was man als Kind gehasst hat. Es ist ein Rollenwechsel, der an Verrat grenzt, Verrat an der eigenen Biografie, dem eigenen Gefühlshaushalt. Dies wird der Grund dafür sein, warum sich so viele Eltern gegen ihre Erinnerungen abschotten und tun, als hätten sie niemals etwas anderes ersehnt, als in Verboten zu baden und mit haltlosen Zukunftsversprechungen zu duschen. »Wenn du jetzt mal aufräumst, wirst du dich auch besser fühlen – mit den Schulaufgaben besser zurechtkommen – überhaupt besser durchs Leben kommen.«

Kinder wollen aber nicht irgendwann einmal besser durchs Leben kommen, wenn sie es dafür jetzt schlecht haben. Sie ahnen, dass der Glücksaufschub niemals ein Ende finden wird. Wenn du erst mal im Gymnasium bist – das Abitur hast – mit dem Studium fertig sein wirst – einen Beruf gefunden hast – ja, was dann? »Dann bin ich tot«, hat mir einmal eine Nichte geantwortet. Und so ist es ja auch. Das in der Kindheit verweigerte Glück kommt niemals, und schon gar nicht prächtig vermehrt und verzinst, zurück. Wenn Kinder fragen, ob ihre Eltern gerne Hausaufgaben gemacht hätten, müsste die ehrliche Antwort lauten: »Ich habe es genauso gehasst wie du. Nur heute weiß ich, dass man darüber hinweggehen muss, wenn man nicht riesige Schwierigkeiten mit Schule/ Staat/Gesellschaft kriegen will.«

Wenn sie spielen, führen Kinder mich dagegen noch einmal zurück in jenen Raum, in dem die Fantasie alles vermag und die Gesellschaft nichts. Der Möglichkeitssinn, mit Robert Musil gesagt, triumphiert dort noch mühelos über den Wirklichkeitssinn. Die Welt ist plastisch, der Wille allmächtig und das Leben so farbig wie später nur noch in der Literatur.

In jeder FAMILIENZEIT erzählen ZEIT-Redakteure, was sie von Kindern lernen.

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